Es scheint, es gehe ein Ruck durch Chinas Bevölkerung und der Einstellung zur Todesstrafe.

Dass die Todesstrafe umstritten ist, ist unbestritten. Nach Angaben der der Menschenrechtsorganisation Amnesty International wurden auch 2010 in China mehrere tausend Hinrichtungen vollzogen. Genaue Zahlen gibt es nicht, denn Todesurteile und Hinrichtungen gelten als Staatsgeheimnisse in China. Sicher ist jedoch, dass in China mehr Menschen hingerichtet werden als in allen anderen Staaten der Welt zusammen.

Bislang hat die Mehrheit in China die Diskussionen um die Todesstrafe nicht verstanden. Schwerverbrecher auch noch im Gefängnis „durchzufüttern“ war in der Gesellschaft bislang indiskutabel. Auf fast 70 Straftaten steht in China die Todesstrafe. Genau dies ist aber immer mehr Menschen auch in China zuviel. Gerade bei Wirtschaftsverbrechen stellt sich immer mehr Chinesen die Frage nach der Notwendigkeit, da die finanziellen Verluste mit der Vollstreckung der Todesstrafe nicht ausgeglichen werden.

Der Fall von Wu Ying hat die erneute Debatte um die Todesstrafe losgetreten. Die Industrielle Wu Ying wurde zum Tode verurteilt und auch das Berufungsgericht änderte das Urteil nicht ab. 120 Millionen US-Dollar soll die ehemalige Industrielle zwischen 2005 und 2007 veruntreut haben.

Wu war nicht immer reich. Sie wurde als Tochter Bauernfamilie geboren. 2006 war Wu nach Angaben des “Hurun Reports“ mit knapp 570 Millionen Euro die sechs reichste Frau in China.

Kaum war das Urteil bestätigt gab es im Internet bereits eine entsprechende Umfrage dazu. Rund 64 Prozent der knapp 400.000 Teilnehmer sprachen sich online für eine mildere Strafe und damit gegen die Todesstrafe im Zusammenhang mit einem Wirtschaftsverbrechen aus.

Aufgrund der Armut war in China lange Zeit Geld und Leben eng miteinander verknüpft. Wirtschaftsverbrechen bedeuten für die Betrogenen oftmals der totale Ruin, weshalb viele die Hinrichtung nicht infrage stellten. Diese Sichtweise entspricht jedoch nicht einer modernen Gesellschaft, auch nicht in China. Ausgenommen von der gesellschaftlichen Veränderung sind jedoch Korruptionsfälle. Hier möchte die Bevölkerung den Grundsatz der Gleichheit der Beamten sehen. Diese ist in den Augen der Mehrheit der Bevölkerung nur dann gegeben, wenn auch hier weiterhin die Todesstrafe bestehen bleibt.

Mord soll auch weiterhin, so die mehrheitliche Meinung in China, nach dem Prinzip „a life for a life” mit der Todesstrafe geahndet werden. Dies haben auch die jüngsten Fälle 2011 gezeigt. Die bekanntesten waren die des Studenten Yao Jiaxin, der eine junge Mutter erstochen hatte, um einen Unfall zu vertuschen. Der zweite Fall war der des Li Changkui, der eine junge Frau vergewaltigte bevor er diese und deren 3-jährigen umbrachte. Im zweiten Fall wurde die Todesstrafe sogar erst nach dem öffentlichen Protest ausgesprochen, der eintrat als bekannt wurde, dass Li Changkui nicht zum Tode verurteilt werden soll.

Die chinesische Justiz möchte keinerlei Einmischung von der Bevölkerung, sondern die Unabhängigkeit der Justiz ist oberste Priorität. Eine Änderung in der öffentlichen Meinung wird jedoch zwangsläufig Auswirkungen auf die gerichtliche Entwicklung einer Nation haben.